23. Internationale Filmfestspiele von Athen – Die Nacht der Premieren

    |    Wednesday, der 7. February 2018

“The Rider”, “Chavela” und “Copa-Loca” sind die großen Gewinner des AIFF 2017

 

Dieser Artikel wurde erstmals am 30.09.2017 auf myfilm.gr publiziert, einem spannenden blog über griechisches und internationales Kino. Wir danken sehr für die Erlaubnis, diesen lesenswerten Beitrag veröffentlichen zu dürfen.

Der große Shawn Baker selbst war anwesend zur Premiere seines Films „The Florida Project “ im ausverkauften Athener Kino IDEAL und das aufmerksame Publikum genoss diese Geschichte über die schwierige Kindheit der kleinen Moonee (gespielt von Brooklyn Prince). Die Sechsjährige lebt mit ihrer Mutter in widrigen Verhältnissen und erschafft sich trotzdem eine Parallelwelt, in der sie ihren Alltag spielerisch bewältigt. Diese Inszenierung in grellen bunten Farben steht in Kontrast zu der düsteren Lebensrealität, der alle Protagonisten- jung wie alt- versuchen, zu entfliehen.Detailliert wird die zarte und verspielte Naivität der Heranwachsenden aber auch deren Ausbeutung beschrieben- mit einer fragilen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ein großartiger Willem Dafoe verleiht diesem Drama eine unglaubliche, herzzerreißende Energie und doch ist es erschreckend schön anzusehen, wie er die Brücke schlägt zwischen den so konträren Welten der unterschiedlichen Generationen. Die Flucht aus dem grausamen eigenen Schicksal hinein in eine fast märchenhafte Traumwelt gibt der Hoffnung noch eine Chance in einer ansonsten dystopischen Dramaturgie.

Weiterhin viel beachtet war die ebenfalls ausverkaufte Vorführung des im Vorfeld stark beworbenen neuen Films von Michael Haneke, “Happy End”. Produziert in einer gänzlich gegensätzlichen Atmosphäre überzeugt hier insbesondere die Charakterisierung der kleinen Tochter Eve, die eine strenge Härte aufweist. Eine explosive Mischung von persönlichen Komplexen und einem gewissen Zynismus bricht sich in diesem Familiendrama Bahn. Hier bleiben nicht einmal mehr Märchenwelten, in die eine Seele noch zu fliehen vermag, sondern nur die Dunkelheit einer Welt ohne jede Seele, abwesend und entfremdet- gipfelnd in einem grandiosen Finale (wir wollen nicht zu viel verraten!). Ein kunstvoller Film, der die soziale Kälte, die ihn dominiert, beeindrucken personifiziert.

Mit den Auszeichnungen in den drei separaten Sektionen des Wettbewerbs und der Präsentation des Films “The Other Side of Hope”  von Aki Kaurismäki ging das 23. internationale Filmfestival von Athen zu Ende. Die für die Kurzfilm-Sektion zuständigen Panos Guin und Demeter Argyraki begleiteten die Verleihunge, begrüßten die hochkarätige Jury und dankten den vielen Sponsoren und Partnern des Festivals.

Die Jury für den  Internationalen Wettbewerb  des 23. Internationalen Filmfestivals von Athen setzte sich zusammen aus:

  • Kerem Ayan (Vorsitzender), Direktor des Istanbul Film Festival (Türkei)
  • Alex Ritman, Korrespondent des Hollywood Reporter in Großbritannien (UK)
  • Giona A. Nazzaro, Filmkritiker, Schriftsteller und Journalist (Schweiz/Italien)
  • Doris Kuhn, Filmkritikerin (Deutschland)
  • Jasmin Basic, Filmhistorikerin (Schweiz)

 

Ausgezeichnet mit dem Golden Athena Award für den besten Film wurde „The Rider“ von Claude Zao. “Der Preis für den besten Film geht an “The Rider” für seine innovative und gewagte Machart. Die Art und Weise, wie die junge Regisseurin die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion neu formt und einen unheimlich kreativen Anspruch realisiert ist einfach liebenswert!”, so die Begründung der Jury. Protagonist des Films ist ein junger Rodeo-Champion, welcher durch eine schwere Kopfverletzung mit der harten Realität außerhalb des Cowboy-Daseins konfrontiert wird. Getrennt von seinem bisherigen Lebensinhalt und allen sportlichen Träumen muss er sich und sein Leben neu definieren. “The Rider” war bereits mit dem Art Cinema Award bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet worden.

Der Athens City Direction Award ging an den Anti-Kriegsfilm “Foxtrot”  des israelischen Regisseurs Samuel Maoz. Nach Ansicht der Jury handelt es sich um eine “scharfe und kalte Satire, mit einer gut strukturierten, selbstbewussten und optisch ansprechenden Erzählung” in der Samuel Maoz “den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zerlegt und sowohl als kollektive wie auch persönliche Tragödie präsentiert” . Was als Tragödie um einen tot geglaubten Sohn beginnt entwickelt sich mehr und mehr zu einer satirischen Abrechnung mit Krieg und Gewalt, gespickt mit speziellem Humor.

Den Best Screenplay Award gewann der Film “Sicilian Ghost Story” von Fabio Grassadonia und Antonio Piazza. Die Begründung: „Ein unerwartet schöner Film über Liebe und ihre grauenhaften Gegner. Eine Ode an Widerstand und Würde. Ein Buch, welches die ungeschriebenen Regeln der italienischen Mafia aufdeckt und sie wunderbar filmisch verarbeitet.” Basierend auf einer wahren Begebenheit thematisiert der Film die Geschichte des dreizehnjährigen Giuseppe, der aus einem kleinen Dorf verschwindet. Inszeniert in den Händen von Grassadonia und Piazza schockiert dieser Stoff mit einer wilden Schönheit und offenbart eine herzzerreißende Geschichte vor dem realen Hintergrund des organisierten Verbrechens.

Den Audience Award des AIFF 2017 erhielt der Film “Mobile Homes” des französisch/kanadischen Regisseurs Vladimir de Fontenay über die reale Dimension des amerikanischen Traumes und die Herausforderung, ihm trotz aller Widrigkeiten nachzueifern. Protagonistin Ali sucht ein Zuhause für sich und ihren achtjährigen Sohn, ein besseres Leben an einem anderen Ort. Doch ständige Fehlentscheidungen und die Grenzen der Legalität führen sie nur von einem Motel zum nächsten. Ein Film der unterwegs ist, um das Ankommen zu beschreiben.

 

Wettbewerb “Musik und Film”

Die Jury für diese Sektion bestand aus:

  • Tim Stevens (Vorsitzender), Leiter des British Film Institute (UK)
  • Andy McCluskey, Musiker, Songwriter und Produzent (UK)
  • Uli M Schueppel, Drehbuchautor , Regisseur und Produzent (Deutschland)
  • Sergi Steegmann, «Match Factory» (Deutschland)
  • Nalyssa Green, Komponistin, Sängerin (Griechenland)

 

Der Golden Athena Best Musik & Film Award ging an die Dokumentation “Chavela” von Catherine Gund und Daresha Kyi über die bekannte mexikanische Sängerin Chavela Vargas. Die Jury lobte explizit die “aufrichtige, intelligente und zarte Erzählstruktur” des Films. Reich an ausgezeichnetem Archivmaterial und diversen Interviews zieht der Film den Betrachter in den Bann der Chavela Vargas: rohes Talent, exzessiver Alkoholkonsum, Verfolgung aufgrund von sexueller Orientierung und schließlich die späte, verdiente Anerkennung in den letzten Jahren ihres langen Lebens.

Der  Special Commission Award  ging an den Film  „Where You’re Meant to Be“, von Paul Fegan. Die Begründung der Jury: “Der Sonderpreis der Jury geht an einen faszinierenden und poetischen Roadmovie zu den Wurzeln der schottischen Musik und Kultur. Gleichzeitig zeigt der Regisseur ein berührendes Drama zwischen den beiden Hauptfiguren und ihren Ideen, ihre Konflikte, wenn sich Tradition und Moderne annähern. Die Jury war beeindruckt von dem Risiko, das der Autor beim Erzählen der Geschichte eingegangen ist und wie er es geschafft hat, seine tiefe emotionale Sicht auf Schottland und die schottische Musik zu zeigen.”

 

Wettbewerb “Griechische Kurzfilme”

Die Jury für diese Sektion bestand aus:

  • Yorgos Zois  (Vorsitzender), Regisseur und Produzent (Griechenland)
  • Vaggelio Andreadaki , Schauspielerin (Griechenland)
  • Eva Stefani, Regisseurin und Professorin der Universität zu Athen (Griechenland)
  • Kallia Papadaki , Autorin (Griechenland)
  • Robbie Eksiel, Filmkritiker (Griechenland)

 

Im Wettbewerb für die griechischen Kurzfilme wurden folgende Preise vergeben:

Best Film A “Copa-Loca” von Christos Massalas (Dotierung: 2000€)

Best Film B “Unbuilt Light” von Efthimis Kosemund Sanidis

Best Director “Copa-Loca” von Christos Massalas

Best Screenplay „Ourania“ von Despina Kourti

Women’s Interpretation Award Elena Mavridou für „Tracks“ von Elina Fessa

Actors Award Manolis Mavromatakis für „Cowboy“ von Giannis Haritidis

Special Mention 1 „Preparation“ von Sofia Georgovassili

Special Mention 2 Christos Voudouris (DoP) für “Unbuilt Light” von Efthimis Kosemund Sanidis