Arbeiter verlassen die Fabrik- Eine Lektion mit Harun Farocki

     |    Thursday, der 14. August 2014

Arbeiter_verlassen_die_Fabrik_BlogWie heißt der erst der erste Film, der jemals zur Aufführung kam? Ich hab es mal gewusst, aber dann wieder vergessen…In Harun Farockis Filmessay „Arbeiter verlassen die Fabrik“ sind Bilder dieses Werks zu sehen, dessen Titel ist: „Arbeiter verlassen die Fabrik“. Jetzt weiß ich es wieder! Und nicht nur das. Vom erste Moment an war ich gebannt durch Farockis Idee, ausgehend vom Motiv dieses zu allererst gezeigten Films einen Blick in die Filmgeschichte zu werfen. Schließlich tauchte das Motiv später noch häufiger in unterschiedlichsten Variationen in Dokumentar-und Spielfilmen auf. Was erfährt man, wenn man die sich ähnelnden Szenen nacheinander sieht?

Zumeist sieht man Menschen die mit eilenden Schritten die Fabrik verlassen, nicht wenige rennen sogar. „Sie laufen, als wüssten sie, wo es besser ist“, heißt es im Offkommentar des Films. Für die Arbeiter bei Ford in den zwanziger Jahren oder bei VW in den siebziger Jahren scheint es ebenso nicht Besseres zu geben, als dem Ort des Broterwerbs den Rücken zu kehren. Oft drängen sie sich in großer Zahl durch die Ausgänge und geben eine Ahnung von der Größe der Fabrik. Die Bilder zeigen die Arbeiter oft als einen Block, aus dem sich hier und da einzelne Schemen lösen. Die Arbeiter scheinen einer strengen, fremden Ordnung unterworfen.

vlcsnap-16052610.previewVon den in Reih und Glied marschierenden Arbeitern geht nach außen hin eine starke Wirkung aus. Es ist nicht nur ihre schiere, dunkle Masse, die sich scheinbar unaufhaltsam in Bewegung setzt, sondern auch ihre Gesichtslosigkeit, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Eindrucksvoll sind in Fritz Langs „Metropolis“ sind Arbeiterkolonnen in Szene gesetzt: grau, im Gleichschritt, die Gesichter nicht zu erkennen.

Wenn Harun Farocki zeigt, wie 1934 die Arbeiter der Berliner Siemenswerke zu einer Kundgebung geführt werden, fehlt nicht mehr viel zu einer militärischen Einheit. Sowohl höhere Angestellte als auch Kriegsversehrte haben sich in den Zug mit eingereiht. Schutzpolizisten sorgen achtunggebietend für Ordnung und regeln den Straßenverkehr. Die Fabrik ist ein Ort, die nicht selten wie ein Gefängnis aussieht. Es sind in Harockis Film Aufnahmen von entleerten, ausgemergelten Gesichtern zu sehen, die durch Gitterstäbe schauen. Die Pointe dieser Bilder: die Arbeiter schauen von außen in die Fabrik hinein in der Hoffnung, vom Posten am Tor hereingewunken zu werden. Es scheint immer noch besser, ausgebeutet zu werden, als nicht ausgebeutet zu werden, wenn man selbst nichts zu essen hat und vor allem Frau und Kinder zuhause Hunger leiden.

140074148_640Aber wehe, die Not und Ausbeutung wird zu groß und die Proletarier werden sich ihrer Kraft und ihrer Möglichkeiten bewusst! Streiks und und Arbeiteraufstände haben seit dem Beginn des Kapitalismus für Aufruhr, ja für Revolutionen gesorgt. Wie hieß es doch: alle Räder stehen still, wenn Euer starker Arm es will! Die anonymisierte und kollektivierte Arbeiterschaft war der Gegenstand einer der mächtigsten und folgenreichste Utopien des 20.Jahrhunderts. Als diese dann in einem ganz kleinem Teil dieser Welt ihrem Wirklichkeitstest unterzogen wurde, waren es gerade auch Arbeiter, die mit der schönen, neuen Welt nicht einverstanden waren.

In Farockis Bildern ist zu sehen, dass das Menschsein gerade dort anfängt, wenn der Einzelne sich am Fabriktor aus der Masse abzuheben beginnt, ein Gesicht bekommt, er (und natürlich auch sie) sein Leben nach der Maschinenarbeit beginnt.

Wo sind heute die Arbeiter zu sehen? Viel weniger als früher sind sie auf der Straße zu erkennen, seltener als früher tauchen sie markant und unverwechselbar in Filmen auf. Harun Farockis stellt mit seinem Essay eine Menge Fragen. Seine Art, Filmbilder neu zu sehen, hat man sicherlich eine Weile im Hinterkopf. Er, der vor zwei Wochen unerwartet gestorben ist, war neben vielen anderen Dingen auch ein großer Lehrer.

FrankZ

 

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