Amour Fou: BITTER MOON von Roman Polanski

    |    Thursday, der 9. October 2014

FILM 'LUNE DE FIEL' BY ROMAN POLANSKIHäufig geht es im Kino des Roman Polanski um Obsessionen, Sex und Horror. Dass auch eine anfänglich romantische Liebesgeschichte im Grauen enden kann, zeigt BITTER MOON, sein 1992 inszeniertes, so raffiniertes wie intensives Beziehungsdrama. Die Amour Fou zwischen dem Amerikaner Oscar (Peter Coyote) und der Französin Mimi (Emmanuelle Seigner) erzählt der an den Rollstuhl gefesselte Oscar dem Briten Nigel (Hugh Grant) auf einer Kreuzfahrt. Der verklemmte junge Mann und seine Frau Fiona (Kristin Scott Thomas) wollen auf dem Schiff etwas Schwung in ihre festgefahrene Beziehung bringen.

Besonders prickelnd scheint ihr Sexleben nicht zu sein. Dass es Oscars und Mimis einmal umso mehr war, erfährt man aus den Schilderungen Oscars, die der Film in Rückblenden bebildert. Alles fängt unglaublich romantisch an. Der verkrachte amerikanische Schriftsteller Oscar führt in seiner Wahlheimat Paris ein recht hedonistisches Leben. Er hat wechselnde Damenbekanntschaften, frönt Partys und dem guten Leben. Bis er eines Tages in der Buslinie 96 die schöne junge – und schwarzfahrende – Mimi vor Kontrolleuren rettet, indem er ihr seine Fahrkarte in die Hand drückt.

Bald werden Mimi und er unzertrennlich. Ihre Leidenschaft für einander kennt keine Grenzen, und sie schotten sich immer mehr von der Außenwelt ab. Das geht eine Weile gut, und die beiden genießen ihre außergewöhnliche und sexuell sehr befriedigende Beziehung. Doch irgendwann stellt sich Überdruss ein. Oscar und Mimi versuchen, durch ausgefallene Sexspiele die Verbundenheit von früher wieder herzustellen, doch vergebens.

bitter moon 3Nigel lauscht den Ausführungen Oscars mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu, begegnet auch mehrfach der verführerischen Mimi – und verfällt ihr ähnlich wie einst Oscar. Doch der so jovial erzählende Amerikaner, der sich des öfteren ruppige Scherze auf Kosten von Nigel leistet, entpuppt sich in seiner Lebensbeichte bald als egozentrische und sadistische Persönlichkeit. Auch mit welcher Grausamkeit er Mimi nach einigen Jahren behandelte, enthält er Nigel nicht vor.

Während die verschiedenen Erzählebenen immer mehr ineinander übergreifen, wächst die Verwirrung beim britischen Ehepaar ebenso wie beim Zuschauer. Was ist wahr an Oscars Geschichte, was übertrieben oder gar erfunden? Was führt Oscar im Schilde? Wer mit der Filmografie Roman Polanskis vertraut ist, weiß, dass seine Geschichten selten ohne Widerhaken sind. Sich auf ein heftiges Finale einzustellen, ist also auch bei BITTER MOON ratsam.

Andererseits hat man Polanski selten so romantisch und gefühlvoll inszenieren sehen wie in diesem Film, den er nach und vor einer relativen künstlerischen Flaute gedreht hat. Wie er die erste Begegnung der erotisch-naiven Mimi mit dem attraktiven, aber deutlich älteren Oscar erzählt, verzaubert den Zuschauer mit verklärten Bildern und dem überschwänglichen Kommentar des Erzählers. Dennoch treibt Polanski mit diesen Sequenzen ein böses Spiel. Die Liebe muss irreal erscheinen, damit er sie im Anschluss umso brutaler demontieren kann.

bitter moon 1Wie die Liebe, aber auch das Begehren erlöschen können, wie Beziehungen in die Brüche gehen, Grenzen überschritten werden, zeigt Polanski hier in aller Deutlichkeit. Exzesse, Grausamkeiten, Sadomasochismus und Verzweiflung werden in der Beziehung des Paares nicht ausgespart. Rache allerdings auch nicht. Die Schönheit, aber auch den Schmerz der Liebe illustriert Polanski an seinen Protagonisten Oscar und Mimi, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander können. Ob man den schleichenden Prozess der Liebeserosion womöglich doch aufheben kann, darüber reflektiert der Film anhand seiner beiden gegensätzlichen Paare.

Schauspielerisch spielt sich vor allem Peter Coyote als Oscar in den Vordergrund. Mit Charme und Humor, die jederzeit in Missmut oder Aggressivität umschlagen können, beherrscht Coyote den Film. Die lasziv-verwundbare Figur von Emmanuelle Seigner soll im Laufe des Films noch manch überraschende Verwandlung durchmachen. Kristin Scott Thomas verkörpert die zugeknöpfte, aber sensible Fiona und ein noch recht pausbäckiger Hugh Grant, der seinen Durchbruch erst noch erleben sollte, gibt den zugeknöpften Nigel als eine very British Mischung aus Trottel und großem, zu wohl erzogenem Jungen.

Kira Taszman

Kira_Taszman