Alptraumhafte Ödipus-Parabel in Zeitlupe: ONLY GOD FORGIVES

    |    Saturday, der 20. June 2015  |     1

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Der Däne Nicolas Winding Refn ergründet in seinen düsteren und gewalttätigen Filmen sehr intensiv menschliche Abgründe. Vom Drogenmafia-Thriller (die „Pusher“-Trilogie) über den Wikingerfilm (WALHALLA RISING) hin zum Rennfahrer-Mafia-Drama „Drive“ reicht sein Werk. Wie auch in „Drive“ spielt in Refns neuem Opus der kanadische Superstar Ryan Gosling die Hauptrolle. In der brutalen, durch Farben und Zeitlupen extrem stilisierten und entschleunigten Rachegeschichte im thailändischen Rotlichtmilieu glänzt an seiner Seite Kristin Scott Thomas als Furie von Mutter.

Die Story: Julian (Gosling) ist ein wortkarger junger Mann. Häufig wird er von alptraumhaften Visionen heimgesucht. Darin läuft er lange rote Flure entlang, bevor ihm mit einer Art Samouraischwert die Unterarme abgeschlagen werden. Julian und sein älterer Bruder Billy verdienen ihr Geld mit Drogengeschäften in Bangkok, waschen es mit dem Veranstalten von thailändischem Kickboxing und verbringen die meiste Zeit im Bordell.

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Nachdem Billy dort ein sechzehnjähriges Mädchen missbraucht und abgeschlachtet hat, wird er vom Vater des Opfers getötet. Auftritt Kristin Scott Thomas als überschminktes und wüst fluchendes Familienoberhaupt Crystal mit platinblonder Wallemähne, die ihren verbliebenen Sohn nun auffordert, ihren Lieblingssohn Billy zu rächen. Doch Julian weigert sich. Zu sehr ist er mit seiner Beziehung zu der Prostituierten Mai und seiner Faszination für den mysteriösen und scheinbar allmächtigen Polizisten und Schwertkünstler Chang (Vithaya Pansringarm) beschäftigt. Dieser fungiert als Nemesis und selbsternannter Rächer des Verbrechens und regiert mit eiserner und brutaler Hand über seine Gefolgschaft.

Gute Menschen gibt es in diesem ausgesprochen düsteren Werk von Winding Refn nicht. Aber auf Zwischentöne kommt es ihm hier auch nicht an. ONLY GOD FORGIVES ist eine Mischung aus präzise choreographiertem Zeitlupenballett und freud’schem Ödipus-Komplex. Denn mit seiner autoritär auftretenden Mutter unterhält Julian eine ambivalente Beziehung voller erotischer Untertöne, und der Vater lebt nicht mehr.

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Der Polizist Chang wiederum geriert sich wie ein Racheengel und setzt dazu sein Samuraischwert ein. Diese mythologisch überhöhte Figur schreckt zu keiner Zeit vor Grausamkeit zurück, was in einer höchst sadistischen (und überflüssigen) Folterszene kulminiert. Während Chang sich zu einer Art Gottheit stilisiert, überwiegen bei Julian – Gosling spielt ihn von Anfang bis Ende mit dem gleichen stoischen Gesichtsausdruck – selbstzerstörerische Momente.

Die Flure, Zimmer und Verzierungen des Bangkoker Hotels sind meist im Halbschatten dunkler Rot-Töne gefilmt: Sie stehen für das Blut, das im Film in Strömen fließt – als Symbol für Familienbande und Rache. Die zahlreichen Zeitlupen deuten wiederum die buchstäbliche und imaginierte Alptraumwelt an, in der sich Julian als unentschlossener, von der Mutter verstoßener und vom Antagonisten Chang anfangs nicht recht akzeptierter, Held bewegt. Kurz vor Schluss setzt es einen ungleichen Zweikampf zwischen Julian und Chang und am Ende schließlich eine blutige, wenn auch nicht tödliche Erlösung. In ihr wird Julians Alptraum, um nicht zu sagen Wunschtraum, wahr.
Kira Taszman

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