achtung berlin – new berlin film award: Puppe, Icke & der Dicke

     |    Sunday, der 22. April 2012

Berlin ist ein Traum. Oder doch eine Projektion? Oder eine Illusion? Europe, eine junge Pariserin, möchte nach Berlin. Doch sie ist blind und will dort eigentlich nur den Vater ihres Kindes treffen. Der Dicke, ein stummer Biertrinker aus Paris, möchte nach Berlin, weil er dort Personen von einem Kindheitsfoto wiederzufinden hofft. Und für Bomber, den schnoddrigen Berliner Kurierfahrer, ist Berlin einfach nur Realität. Ihn zieht es fort aus seiner Heimatstadt, die ihm außer Ernüchterungen nicht viel zu bieten hat.

Dieses Trio der „drei Affen“, wie Bomber sagt – einer sieht nichts, einer redet nicht, einer ist klein (womit das dritte ‚Manko’, das Nichthören, eigentlich verfehlt wäre, aber wen stört’s?) – findet sich ab einem gewissen Punkt in Bombers Auto en route nach Berlin wieder und macht das Hauptpersonal von Felix Stienz’ amüsantem Roadmovie „Puppe, Icke und der Dicke“ aus. Wobei Berlin darin eher peripher eine Rolle spielt. Die Handlung, oder besser gesagt, das Aneinandervorbeireden und –fahren findet vornehmlich auf Autobahnen, Raststätten oder an einer Imbissbude in Paris statt.

Und auch dieses filmische Paris hat mit dem echten Paris nichts gemein und steht sogar zu seinem Etikettenschwindel: Gedreht wurden die Pariser Szenen in Straßburg. Dieser erfrischend freie Umgang mit filmischer Topographie unterstreicht erneut den Projektions- und Illusionscharakter von Städten in diesem Film. Paris sieht aus wie das industrielle Nordfrankreich oder Belgien: Glamourös geht es dort weiß Gott nicht zu. Wozu also dort bleiben? Europe (Stéphanie Capetanidés) findet in Bruno (Matthias Scheuring), dem dicken Pariser, der seine Tage an der Imbissbude zu verbringen scheint und sich nur mit Klopfzeichen verständigt, und in dem großklappigen, aber gutmütigen Bomber ein ungleiches Beschützerpaar.

In Bombers Auto wird nur Berlinerisch oder schlechtes Englisch gesprochen (Eine Kostprobe:“You are blind, or?“), was nicht nur den Schmunzelfaktor des Films erhöht. Unterm Strich sorgt verbale Kommunikation nur für Missverständnisse. Als Europe den Erzeuger ihres Kindes schließlich findet, kann ihr Gespräch nichts klären. Und auch Bomber (Tobi B.), der sich in die Barfrau einer Raststätte verguckt, kann bei ihr besser landen, wenn er ihr beim Singen zuhört, statt sie mit zynischen Sprüchen zuzutexten.

Überhaupt ist Musik das Ventil, das die Figuren – wenigstens zeitweise – aus ihrem privaten Schlamassel entführen kann. In einer herrlichen Szene betätigt sich das Protagonistentrio, nach ausgiebigem Schnitzel-mit-Pommes-Genuss und einer Verwechslung, einmal als experimentelles Musikertrio – und wird angenommen.

Denn mit Musik ist in diesem Film alles möglich, damit kann man schließlich auch Berlin erobern. Das merkt nicht nur die Provinz-Bardame (Vivien Bullert). In Bombers Wohnung, die von seiner Untermieterin zum Club umfunktioniert wurde, feiert sie als Sängerin erste Erfolge. So wird Berlin schließlich doch zum Ort, an dem Projektionen wahr werden, zu einer Zufluchtsstadt für Originale, Menschen, die etwas anders sind und für (Möchtegern-)Künstler, egal, woher sie kommen. In Berlin können sogar Blinde selber Auto fahren: Europe macht es vor.

PUPPE, ICKE & DER DICKE läuft nochmal am 23. April, 21:30 Uhr, Kino Passage

Miete_Steinmann