achtung berlin – new berlin film award: Nach Wriezen

     |    Saturday, der 20. April 2013

von Miete Steinmann

„Ick bin der Fliegenmörder von Wriezen“, sagt Imo, nachdem er auf dem Tisch eine Fliege platt gehauen hat. Imo ist ein junger Mann mit Stoppelhaarschnitt und bübischem Grinsen, welches das Fehlen eines Zahnes offenbart. Nun wird er in die Freiheit entlassen, denn seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Wriezen hat er abgesessen. Was er angestellt hat? Wer weiß. Bei Marcel, dem jungen Mann mit Neonazi-Vergangenheit, weiß man es. Er hat als 18-Jähriger einen anderen Jungen ermordet. Auch er kommt frei, nach acht Jahren Haft. Seine Freundin erwartet ihn draußen.

Junger Mann mit Hand vor Gesicht, nachdenklich

Imo

Daniel Abmas Dokumentarfilm „Nach Wriezen“ hat noch einen dritten Protagonisten, Jano. Er ist der jüngste der drei jungendlichen Ex-Straftäter, die der Regisseur monatelang bei ihren Versuchen begleitet, sich in der neu gewonnenen Freiheit einzuleben. Im Leben ohne Gitter wird Jano von seiner Kleinstadtclique empfangen.
Doch was hat es mit dieser Freiheit nun tatsächlich auf sich, von der man im Knast monate- oder gar jahrelang geträumt hat? Kann Freiheit auch ein Zuviel der Freiheit sein, wenn der minutiös geregelte Tagesablauf, den man hinter Gittern als Einschränkung empfunden hat, plötzlich weg fällt? Marcel macht eine Alkoholtherapie, auch wenn er sie eigentlich nicht braucht. Außerdem sucht er Arbeit. Doch im Lebenslauf einen Gefängnisaufenthalt zu vertuschen, bedarf einiger Trickserei. Ex-Knackis nimmt nicht jeder Arbeitgeber einfach so auf. Doch ganz offensichtlich hat Marcel in Wriezen einen Denkprozess durchgemacht: Seine Tat scheint er aufrichtig zu bereuen. Als der Regisseur ihn danach befragt, filmt er ihn aus sehr kurzer Distanz, was mitunter aufdringlich wirkt.
Andererseits vermittelt sich auf diese nicht immer subtile filmische Herangehensweise das Hauptproblem der drei Protagonisten: Auf ihnen lastet ein immenser Druck. Der Druck, die Bewährungsauflagen zu erfüllen, die staatlichen Hilfsangebote anzunehmen und der Druck, nicht rückfällig zu werden.

Junger Mann blickt nach rechts

Jano

Jano, der stets jovial und unbekümmert wirkende junge Mann mit dem Basecap, wird es nicht schaffen. Er dealt mit Drogen, wird geschnappt und muss wieder einsitzen. Der frischgebackene Vater einer kleinen Tochter hat der Versuchung, das schnelle Geld zu machen, nicht standgehalten.
Imo hingegen wird in der Freiheit von seinem väterlichen Freund Uwe unter die Fittiche genommen. Er beschäftigt Imo, der nun hauptsächlich mit Autoreifen zu tun hat. Außerdem gibt er Imo eine Bleibe, eine alte Baracke, die der junge Mann saniert und sich liebevoll einrichtet. Sein besonderer Stolz sind das gute Eingangsschloss und die blauen und roten Lichtstrahler am Wasserhahn. Die Bereitschaft, sich zu reintegrieren ist Imo deutlich anzumerken. Auch er hat eine Freundin, auch er wird Vater. Umso schmerzlicher ist es für den Zuschauer, mit anzusehen, wie ihm das Jugendamt die Tochter fortnimmt. Ist es, weil er vor einiger Zeit eine Mitarbeiterin des Jugendamts aus seiner Wohnung scheuchte, von deren penetranten Fragen er sich belästigt fühlte? Ein Wutproblem hat Imo zweifelsohne, aber warum gibt man der jungen Familie nicht mal eine Chance?

Junges Paar -blonde Frau mit Mann, Händchen haltend

Marcel

Am besten aufgehoben scheint Marcel zu sein. Auch er ist frischgebackener Vater einer Tochter. Auch wenn seine Sprache zuweilen noch sehr martialisch klingt, macht er einen relativ stabilen Eindruck. Arbeit hat er noch keine gefunden, aber seine Motivation – nicht zuletzt durch die Existenz seiner Kleinfamilie – scheint ungebrochen.
Dennoch lässt der Film die Zuschauer mit gemischten Gefühlen zurück: Mit Sorge um drei junge Männer, die noch nicht am Ziel angekommen sind. Wie man am Beispiel Janos sieht, kann der Titel des Films, „Nach Wriezen“, leider auch ein Rückfahrticket in den Jugendknast bedeuten.

***************************************************************************************

Nach Wriezen

Vorführtermine:

So, 21. April 2013 17:00 Uhr Filmtheater am Friedrichshain
Mi, 24. April 2013 20:15 Uhr Babylon

Miete_Steinmann