achtung berlin – new berlin film award: Juli

     |    Sunday, der 21. April 2013

von Miete Steinmann

2 Jungen und ein Mädchen – wie viele denkbare Liebesszenarien ergibt das? So einige, auch wenn bei Johanna, Joaquin und Leon die Fronten anfänglich geklärt zu sein scheinen. Johanna und Joaquin sind ein Paar, und Leon haben sie auf ihren Italien-Urlaub mitgenommen. Nun würde die Zahl Drei in Marco Štormans Film jedoch keine Hauptrolle spielen, wenn sie ihr Verheerungspotenzial nicht bald ausschöpfen würde.
Die drei jungen Menschen tun das, was man in ihrem Alter im Sommer so tut: auf Vergnügungs- und Abenteuerreise zu gehen. Im VW-Bus erkunden sie bei klarstem Sommerwetter das schöne Italien: Berge, Städte und das Meer. Joaquin sitzt am Steuer, Leon auf dem Beifahrersitz und hinten lässt Johanna es sich gut gehen. Das Vehikel dient jedoch nicht nur der Fortbewegung, sondern auch als billiger, wenn auch nur mäßig bequemer, Herbergsersatz.

Drei junge Menschen am Strand unter blauem Himmel
Während der Reise wird gealbert, sich geneckt, manchmal auch gestritten, weil man die Karte nicht lesen kann. Für einen deutschen Film äußerst erfrischend, kommt dieses mittellange Werk des Theaterregisseurs Štorman mit dankenswert wenigen Dialogen aus. Gesagt wird nur das absolut Notwendige und das oft in spielerischer Form: So sitzen die drei etwa in einer Kleinstadt vor einem Toreingang, verdrücken ihre Sandwiches und verpassen dabei Passanten – sie sind Off-Kamera – Attraktivitätsnoten. Von der 0 bis zur 10 ist alles dabei, und natürlich findet das Trio seine Aktivität hochkomisch.
Doch dass die Bewertung der Vorübergehenden unabhängig von ihrem Geschlecht zu erfolgen scheint, ebnet den Weg für die Verwirrungen, die da kommen werden. Begehrliche Blicke wirft nicht nur Leon der blonden Johanna zu. Auch Joaquin fühlt sich immer mehr zu Leon hingezogen, was dieser zu ignorieren scheint, während Johanna das ungewohnte Verhalten ihres Freundes mit verwundertem Gesichtsausdruck kommentiert.
Denn wo andere deutsche Filmemacher nun zuverlässig die großen Wortgeschütze auffahren würden, setzt Štorman auf Mimik, Gestik, Unausgesprochenes und Ellipsen. Erklärungen verbaler Natur werden nicht abgegeben, aber die Handlungen sprechen für sich. Wenn Joaquin es kaum wagt, den nackten Leon anzuschauen, während dieser sich unbefangen in einem Bach wäscht, bedarf dies keiner weiteren Erläuterung, auch dass Joaquin bald bei der Säuberungsaktion mit macht und sich von Leon die Haare einseifen lässt, genauso wenig.
Bald werden sich unterschwellige Verletzungen der Figuren durch explizitere Handlungen Bahn brechen. Keusche Annäherungsversuchte, aber auch eine handfeste sexuelle Handlung scheitern immer an der mentalen Weigerung eines/einer Beteiligten, die Avancen zu legitimieren. Doch es kommt nie zum Eklat. Weder verbal noch physisch werden Differenzen ausgetragen. Ärger oder Kummer fressen die Protagonisten in sich hinein.
Zwischendurch erhalten sie die spielerische Fassade aufrecht, so in einer amüsanten Szene, in der Leon seinen sich sonnenden Reisekumpanen Steine mit angeblich esoterischer Wirkung auf den Körper legt und ihnen befiehlt, sich eine halbe Stunde nicht zu bewegen. Doch bald darauf erfolgt eine Autoaggression Leons, für die es keine eindeutigen Hintergrunderklärungen gibt und die sich nur physisch äußert. Sie hat beinhaltet keine Schockelemente im herkömmlichen Sinne, ist aber von kaum zu ertragender Intensität.
Indem Regisseur Štorman mit seinen drei jungen Theaterschauspielern die Mittel ihres Ursprungsmediums ausnutzt, vernachlässigt er jedoch keineswegs seine filmischen Möglichkeiten. Die prachtvolle natürliche Kulisse bezieht er in seine Studie über Einsamkeit in der Mehrsamkeit mit ein – und verstärkt damit das Verlorensein der Figuren in dem überdimensionalen natürlichen Dekor, sei es eine Berg- oder eine Feldlandschaft.
Am Ende wird es eine Entwicklung geben, die Zahl Drei der Vergangenheit angehören. Doch auch dies wird so lakonisch wie gekonnt dargestellt und beweist damit die Meisterschaft dieses so stilsicheren und wie gut gespielten Erstlingswerks.

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JULIAUGUST ist vom 22. bis 30. April kostenlos auf realeyz.tv zu sehen, in Kooperation mit achtung berlin.

Weitere Festivalvorführung
Mi, 24. April 2013 22:00 Uhr, Babylon

Miete_Steinmann